Der westliche Landkreis Sorau

Jessen       

Der Ortsname könnte von dem wendisch-sorbischen Jassen abgeleitet sein, was soviel wie Esche bedeutet. Der heutige Ortsname Jasionna ist stark an das Wendische Jaserna angelehnt. Nach Meinung von Oswald Schmidt, einem ehemaligen Einwohner, stammt die Ortsbezeichnung Jessen aus dessen slawischer Vergangenheit und soll "Rüsternort"  heißen. (Quelle: Sorauer Heimatzeitung 04/1960)Das Dorf wird heute, so wie unter anderem  auch Jüritz und Brinsdorf, von Gassen (Jasień) verwaltet. 

Auch heute noch ist der Ort nach drei Seiten von viel Wald und von Feldern umgeben. Nur nach Südosten hin, in Richtung des 1,5 km entfernten Brinsdorf, öffnet sich die Natur und gibt den Blick in die Umgebung frei. Den Ort dominieren zwei Straßen, einmal die Chaussee von Jüritz nach Brinsdorf/Guhlen und nach Gassen und in Richtung Norden führt ein Weg direkt in den Sommerfelder Stadtforst und zur ehemaligen Bahnstation Oberklinge (Nebenbahn Teuplitz - Sommerfeld). 

Jessen gehörte bis 1945 mit Jüritz, Kulm, Grünhölzel, Thurno und Dolzig zum Kirchspiel Dolzig. Zur Gemeinde gehörten neben dem Dorf und dem Gut, die Jessener Mühle, eine Ziegelei, die Pulverfabrik und die Zündschnurfabrik. Die Gemeindefläche soll zuletzt 970 ha   betragen haben (Quelle: Amtliches Mitteilungsblatt des Bundesausgleichsamtes vom 28.2.1955; Sorauer Heimatblatt Juni 1955).

In Jessen lebten 1939  nur 187 Einwohner. 
Jahr                       Einwohner
1818                       152
1846                       166
1871                       153
1900                       202
1925                       172

Am 30.10.1527 wird das Dorf erstmalig urkundlich auf einer Urkunde erwähnt. Zu dieser Zeit ist noch von Gessen die Rede, nicht zu verwechseln mit Gassen. Doch schon am 22.6.1538 taucht durchgehend die bekannte Schreibweise Jessen auf.                             
Während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges fand ich keine Angaben über die Größe des Dorfes. Es könnte sein, dass der Ort in der Zeit verwüstet wurde. Erst 1718 werden 3 Bauern und 20 Gärtner genannt. Fünf Jahre später soll es dann 13 Höfe gegeben haben.      

An dieser Stelle seien einige Flurnamen der Jessener Gemarkung erwähnt: Am Katzenberg; bei den drei dicken Eichen (am Grünholzer Weg); am schwarzen Tor (eisernes Tor der Pulverfabrik; am Sommerfelder Weg, am Brüggelwege (Brücke am Wege zu Zündschnurfabrik); am Dolziger Wege; am Mühlenwege (zur Wassermühle); am Grünhölzer und am Brinsdorfer Wege; auf den Leiden (schlechter Sandboden); auf der Dubine (Wiesengelände); auf der Samm-Wiese; auf der neuen Wiese; auf der kleinen Wiese; auf dem kleinen Feld (Gutsfeld und gar nicht klein); auf dem Brinsdorfer Feld; Flöthers Berg; Schmidts Berg; Buders Weinberg; Kirchhofsberg; am Dachsberg; Brauers Berg; Draußen-Schmidts-Berg; Racks Wiese; Racks Winkel;   in den Totenlittern (Totenleitern, hier wurden früher die Leitern, mit denen die Verstorbenen zum Friedhof gebracht wurden, abgesetzt); in den Birken; am Jüritzer Wege.  (Quelle: Sorauer Heimatblatt 04/1960)    

Prof. Dr. phil.Hugo Jentsch (1840-1916), ein niederlausitzer Gymnasiallehrer, Landeshistoriker und Urgeschichtsforscher, der auch die Niederlausitzer Gesellschaft für Anthropologie und Altertumskunde mitbegründete,  schlussfolgerte aus den 1853 und den Ende der 1890er Jahre in der Jessener/Jüritzer Gegend gefundenen Tonscherben, dass deren Alter auf 800 bis 500 vor Christus zu datieren sei und  dass es bereits vor zu dieser Zeit Besiedlung gegeben haben muss. Rittmeister a.D. Ludwig Krug, von 1885 - 1907 Besitzer von Jessen, war ebenfalls Mitglied der genannten Niederlausitzer Gesellschaft. .... Er ließ mehrfach auf seinen Äckern/Wiesen graben. So berichtete er auch über einen Urnenfriedhof am "Swina-Teich" und dem Heidentempel. An der Jessen-Jüritz-Brinsdorfer Grenze, südlich des Mühlenweges, westlich des Swina-Grabens, soll ein Urnenfeld liegen. (Quelle: Sorauer Heimatblatt 10/1977)

Krug, charakterisierte den Ort wie folgt:  .....In einer hügeligen, waldreichen Gegend der Niederlausitz, sieben bis 9 Kilometer von den drei Stationen.... der Eisenbahn entfernt, liegt in einem Tale das Rittergut und Dorf Jessen. Beide liegen zusammenhängend von den die Gebäude deckenden Gärten umgeben, sodass man von allen Seiten, von der Höhe kommend, sie nicht eher sieht, als bis man davor steht. Das Dorf ist ein kleiner, sauberer Ort, dessen sämtliche Gebäude mit Ziegeln gedeckt sind. Das Schloß liegt vor dem Gutshofe, in einem Park von 26 Morgen Fläche, welcher mit seinen hohen, alten Bäumen, großen Rasenplätzen, Springbrunnen und Teichen dasselbe von drei Seiten umgibt. Ein lebendig fließender Bach durchströmt ihn. Die Gegend hat einen guten, oft schweren Tonboden, welcher sehr quellenreich ist und dessen fruchtbare Wirkung sich in dem prachtvollen üppigen Grün der Rasenplätze und Bäume des Parkes, sowie in der das Gut umgebenden Forst geltend macht. Dieser zieht sich wie ein breiter, fast vollständig geschlossener Gürtel um die Feldmark, in welcher Hügel und Tal sich abwechseln. In dem frischen Waldboden mit schön wachsenden Beständen, in denen neben der Kiefer, hauptsächlich die Eiche und Birke treiben.

Weiter schreibt Krug .....nördlich vom Gutshofe, unterhalb einer Anhöhe, findet sich ein alter heidnischer Opferstein, an dem die zum Abfluß des Blutes eingehauene Rinne deutlich erkennbar ist. Es ist ein langer, platter Stein von ungefähr 8 Fuß (2,50 m) Länge in schräger Lage, das Kopfende ziemlich 3 Fuß (ca. 1 m), das Fußende 2 ¼ Fuß (ca. 70 cm) über der Erde, dicht daneben ein jetzt versumpfter Wasserlauf.....
Nordwestlich von Jessen, auf dem Dachsberg befand sich im 18. Jahrhundert vermutlich der Weinberg. Zu Zeiten von Gutsbesitzer v. Zeschau sollen in seinem Schloßkeller 950 Liter Jessener Hofrats-Auslese gelagert haben.
Folgende Gutsbesitzer sind in Jessen nachweisbar: (Quelle: Erich Schwärzel, Sorauer Heimatblatt)                                                                      1638 Caspar v. Gölnitz;  1651 Ulrich Wenzel v. Biberstein; 1667 Albrecht v. Ronow; 1668 Herzog Christian von Sachsen-Merseburg; 1669 Helene v. Dyherrn/Siegmund v. Zeschau; Siegmund v. Zeschau ließ 1681-1684 ein Gutshaus erbauen, weil das vorhergehende 1642 im Dreißigjährigen Krieg von schwedischen Truppen zerstört worden war. Sein Nachkomme, Balthasar Gottlob Erdmann v. Zeschau baute 1754 ein neues Herrenhaus, ähnlich dem, welches heute noch - zwar ziemlich marode - noch steht. Hugo Balthasar v. Zeschau verkaufte Jessen nach 1858. Zu diesem Zeitpunkt umfaßte das Gut 1.153 Morgen, im Jahr 1900  noch  287 ha.   
Weitere Gutsbesitzer: 1860 Hasso v. Wedel/Maximilian v. Geldern; 1885 Rittmeister a.D. Ludwig Krug; 1907 Kommerzienrätin Gertrud Güttler; 1914 Albert Münch/J.Vielmetter; 1921 J.Vielmetter/Gertrud Vielmetter.

Vielmetter soll das Gut für seinen Sohn gekauft haben. Dieser war aber um 1931 schon verstorben (Quelle: Sorauer Heimatblatt). Er war auch ein ebenso großer Sponsor, der die Freiwilllige Feuerwehr im Dorf unterstützte und ihr sogar eine Motorspritze finanzierte.

Herrenhaus Jessen vor 1945 Foto: Die Kunstdenkmäler der NL, Kubach/Seger


















Heute hinterlässt  die Gutsanlage keinen schönen Eindruck. Das Gutshaus ist nicht bewohnt. Park und See sind verwildert/versandet.

Direkt an der Chaussee stand die Gastwirtschaft von Hermann Sachtleben. Es wurde nach 1945 abgetragen. Hier traf sich die Dorfgemeinschaft zum Fuerwehrball, zum Erntedankfest und zum Fastnachtstanz. Ebenfalls an der Hauptstraße lag die Jessener Schule, deren Gebäude heute noch genutzt wird. Johann Krämer und Erich Templin waren die letzten Lehrer vor 1945. Da der Nachbarort  Jüritz keine eigene Schule besaß, wurden die Kinder hier in Jessen unterrichtet. Bei Kriegsende sollen auch Grabower Schüler hier beschult worden sein (Quelle: Sorauer Heimatblatt).

Postkarte Jessen, vor 1945

















Friedhof Jessen 1995 Foto: Dr. M. Schüler

In Höhe der ehemaligen Schule, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, liegt der Friedhof. Vor einigen Jahren waren keine deutschen Gräber mehr vorhanden. Vereinzelte Grabplatten wurden von Grün überwuchert.                                                                                      

 

 

 

 

Rittergut Jessen um 1900


Nordöstlich des Ortes, einige hundert Meter entfernt, gab es eine Ziegelei. Auf dem folgenden Kartenausschnitt von 1937 ist sie jedoch nicht mehr eingezeichnet.

Kartenausschnitt Umgebung von Jessen



















Pulver-und Zündschnurfabrik 

Ebenfalls im Norden, auf dem Weg zum Sommerfelder Stadtforst, lagen zwei Fabrikstätten der Firma W. Güttler, die ihren Hauptsitz in Reichenstein (Schlesien) hatte. Wegen der Verarbeitung hochexplosiven Materials lagen die Pulverfabrik und die Zündschnurfabrik einige hundert Meter voneinander entfernt. Die Pulverfabrik stellte Nitrocellulose-Präparate und Plastomerit her, die Zündschnurfabrik Sicherheitszündschnüre.

(Quelle: Festausgabe "Zur Erinnerung an das 200-jährige Jubiläum 1695 - 1895"). 

Anhand von Standesamt-Unterlagen eines anderen Heimatforschers ist bekannt, dass es am 29.10.1895 vormittags 9 Uhr durch das Zerspringen eines Ofens in einer der beiden Betriebsteile einen tödlichen Unfall gab. 

 

Fabrik Güttler in Jessen



Jessener Mühle

Etwa 1,5 Kilometer westlich von Jessen, auf recht hügeligen Gelände, gab es eine recht große Wasser-Mühle, die sogar noch zu Beginn 1945 elektrischen Strom erzeugte. Viele Einwohner aus Niewerle, Schniebinchen und Drehne fanden hier vorübergehenden Unterschlupf (Ausführliches s. Kapitel "Kriege" und "Jüdisches Ausbildungslager Schniebinchen/Jessenen).

 Einwohnerverzeichnisse:

 

Einwohnerverzeichnis Jessen 1928
Jessen 1928.pdf [46.4 KB]
Einwohnerverzeichnis Jessen 1938
Jessen 1938.pdf [18.7 KB]



Verlustliste I. Weltkrieg.: (unvollständig, Quelle: genealogy.net)  

Barndt, Gustav; Bursian, Gustav; Bursian, Friedrich; Klinke, Hermann; Lehmann, Hermann (*15.6.1890); Schade, Martin

Verlustliste II. Weltkrieg (Quelle. Alle folgenden Angaben von Oswald Schmidt, Sorauer Heimatblatt 1960): 

Gefallene: Fallack, Kurt; ; Klinke, Alfred; Lehmann, Arnold; Lehmann, Artur (später Drehne) Bublis, Franz; Schiller, Willi; Schmidt, Karl; (Quelle: Sorauer-Sommerfelder Heimatzeitung 04/1960)

1945 Verschleppt und in russischen Lagern Umgekommene: Bürgermeister u. Gutsverwalter Fritz Schreyer; Reinhold Pfeiffer; Oskar Fobe; Oskar Glotz; Karl Nebel

Seit April 1945 Vermißt: Gastwirtssohn Alfred Sachtleben (evtl. 1946 im Lager verstorben) Helmut Bothe (seit 1943 vermißt am Dnjepr) ebenso sein Bruder Gerhard Bothe (vermißt seit 25.8.1944 bei Falein in Rumänien); Heinz Schönemann (vermißt seit Juni 1944 in Galizien), Paul Schmidt (vermißt seit April 45 - wahrscheinlich zwischen Altwasser und Tauchel in einer Gruppe von 20 Männern erschossen).

Am 19.März 1945 wurden auf einem Marsch nach Gassen folgende Einwohner von dem polnischen Begleitkommando erschossen: Gastwirt Hermann Sachtleben und Paul Jakob aus Jüritz

Durch Krankheit und Hunger verstarben: Bertha Mann noch in Jessen; Bertha Fobe, Ehefrau des Schmiedemeisters , verstarb 1945 im Cottbus-Madlow; Anna Bothe verstarb 1945 in Dissenchen bei Cottbus; Paul Schmidt verstarb 1945 in Groß Jamno

Herausragende Persönlichkeiten, die mit Jessen in Verbindung stehen:

Anton Heinrich v. Zeschau (1789  in Jessen - 1870) sächsischer Finanzminister in der Zeit von 1831 - 1848 (Quelle: Sorauer Heimatblatt)        Hugo Balthasar v. Zeschau (1825 in Jessen - 1895) Sorauer Stadtrat in den Jahren 1874 - 1895  (Quelle: Sorauer Heimatblatt)                       Dr. Ing. E.h. Dr. rer.pol.h.c.Johann Philip Vielmetter war viele Jahre Direktor der Knorr-Bremse Aktiengesellschaft Berlin.                    Dr. Manfred Schüler (*1932 in Jessen); deutscher Finanz-u. Verwaltungsfachmann, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und 1974 Leiter des Bundeskanzleramtes, danach im Vorstand der KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) (Quelle: WIKIPEDIA)


Jüritz

Ansichtskarte Jüritz vor 1945

 

Jüritz war ein sehr kleines Dorf.

Kurz vor Beginn des II. Weltkrieges lebten dort nur 143 Einwohner auf ca. 25 Grundstücken. Die Gemeindefläche soll zuletzt 730 ha  betragen haben (Quelle: Amtliches Mitteilungsblatt des Bundesausgleichsamtes vom 28.2.1955; Sorauer Heimatblatt Juni 1955). Die Häuser waren an zwei Straßen, die den Ort dominierten, und zwei Wegen, die von der Hauptstraße abzweigten, aufgereiht. Eine von Drehne kommende Chaussee be-rührte das Dorf nur kurz und bog in dessen Zentrum gleich wieder nach Süden, Richtung Dorfausgang nach Grabow und Brinsdorf, ab. Die Straßenführung ist bis heute unverändert. Außer den beiden Hauptstraßen, die teilweise asphaltiert sind, gibt es noch Ab-schnitte, die in ihrem ursprünglichem Zustand erhalten sind, nämlich mit Kopfsteinpflaster und Sommerweg. Zu beobachten ist dies am Ortsausgang bis zur Grabower Chaussee und auf dem Weg nach Drehne/Schniebinchen. Die Entfernungen zu den Nachbardörfern war gering (Drehne 1,8 km, Grabow 2,3 km, Jessen 1,8 km). Der sonntägliche Kirchgang nach Dolzig – Jüritz war mit Grünhölzel, Jessen, Thurno und Kulm in Dolzig eingepfarrt – betrug dann schon 8,6 Kilometer (über Drehne und Niewerle). Sicherlich gab es früher Abkürzungen durch die Wälder. Die Zuordnungen zu einer Kirche erfolgten vorzeiten aufgrund von zusammenhängendem Grundbesitzes einzelner Gutsherren (Gutsherr = Kirchenpatron).

Einwohnerentwicklung

1818

118 Einwohner

1820

22 Häuser, 118 Einwohner

1840

25 Häuser, 153 Einwohner

1846

152 Einwohner

1864

28 Häuser, 157 Einwohner

1871

160 Einwohner

1885

27 Häuser, 160 Einwohner

1905

138 Einwohner

1925

29 Häuser, 156 Einwohner

1933

153 Einwohner

1939

143 Einwohner

(Quelle:Sorauer Heimatblatt  12/1977)
  

Gemeindefläche: 1885 = 418 ha (124 ha Acker, 16 ha Wiese)

Gemeindebesitz: 

1883 =  4 Pferde,  72 Rinder (davon 39 Kühe), 3 Schafe, 17 Schweine, 9 Ziegen  

1913 = 9 Pferde, 80 Rinder (davon 54 Kühe), 76 Schweine, 8 Ziegen, 8 Bienenvölker   

                                                                                                                                                        

Ortseingang Jüritz 2011 Foto: Privat

 


Straße nach Jessen 2011 Foto: Privat



















Über die Bedeutung des Ortsnamen Jüritz habe ich leider nichts herausfinden können. Ältere Schreibweisen in Urkunden und historischen Karten weisen das Dorf als Görit, Göricz und Giritz aus. Von der bis 1945 gültigen Schreibweise Jüritz ausgehend ähnelt Jurice (niedersorbisch) sehr dem heute polnischen Jurzyn, sodass ich schlussfolgere, Jüritz war einst eine slawische Siedlung. Auch die Endung tz weist auf wendischen Ursprung hin.

Gesicherte Erkenntnisse entnehme ich Götz Freiherr v. Houwald, als er die Niederlausitzer Rittergüter und ihre Besitzer beschreibt.
Danach waren zu Beginn des 16. Jahrhunderts, ebenfalls wie in den Nachbardörfern Drehne, Dolzig, Schniebinchen und Niewerle, das Geschlecht derer v. Kalckreuth Lehnsherren.
Caspar v. Kalckreuth musste am 22.03.1580 Jüritz und auch seinen Anteil am Gut Jessen aus finanziellen Gründen an Rittmeister Hans v. Kottwitz für 10.200 Taler verkaufen. Doch auch diese Einnahmequelle konnte seinen finanziellen Ruin nicht aufhalten.
Kottwitz`s Frau, Ursula v. Mauer, stand nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1595 beinahe mittellos da, erhielt nur 1.150 Taler ausbezahlt, die sie einst als Mitgift in die Ehe mit eingebracht hatte.
Dass es um die finanzielle Situation Hans v. Kottwitzes zu seinen Lebzeiten schon nicht rosig bestellt war, zeigt, dass er sich die 3.000 Taler für den Kauf von Jüritz leihen musste. Dazu verpfändete er sofort das neu erworbene Gut.
Neuer Gutsbesitzer wurde Hans Christoph v. Göllnitz. Der Kauf wurde am 11.11.1596 besiegelt. Nach dessen Tod 1639, übernahm sein Sohn Caspar das Anwesen 1643, als er volljährig wurde.
Doch der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) hatte auch hier Folgen. Houwald bezeichnet den Besitz als ruiniert. 1654 ging Jüritz in die Hände von Ulrich Wenzel v. Bieberstein. Die Biebersteiner waren auch Herren auf Forst und Pförten.

Teil des Jüritzer Gutes Foto: Sorauer Heimatblatt


















Am 11.02.1661 wird Siegmund v. Zeschau als Lehnsherr genannt.
Eine Begebenheit, die v. Zeschau recht gut charakterisiert, möchte ich an dieser Stelle wiedergeben. Danach muss Siegmund ein dominanter Mann gewesen sein, der schnell mal auf die sprichwörtliche Palme geriet.
Sein Nachbar, Otto Friedrich v. d. Heyde auf Grabow, hatte erfahren, dass der Hauslehrer im Unterricht bei Zeschaus Söhnen 
schimpfliche Reden von ihm geführet habe.

Daraufhin fuhr v. d. Heyde nach Jessen ins Gutshaus und wollte v. Zeschau und auch dem Hauslehrer gehörig seine Meinung sagen.
Dem Tzschech sei dies gar lächerlich vorgekommen. Das brachte den Grabower nur noch mehr in Rage. Er vermutete ein Komplott, daß dieser mit dem Hauslehrer unter einer Decke stecke.
Für Siegmund v. Zeschau war das Maß voll. Er vergaß Anstand und Sitte und schlug mit einem Holzprügel auf seinen Besucher ein, während dieser sich nur mit dem Kinderdegen seines Sohnes verteidigen und die Flucht antreten konnte.
Für Siegmund v. Zeschau war die Angelegenheit noch nicht abgetan. Er sprang auf sein Pferd und folgte der Kalesche seines Kontrahenten, angeblich mit einem gespannten Gewehr. Natürlich ließ sich der Vorfall nun nicht mehr gütlich beilegen. Es kam zu einem Gerichtsverfahren. Zeschau behauptete, er wurde auf seinem eigenen Besitz überfallen, beschimpft und bedroht. Er habe seinen Nachbarn nur wieder über die Grenze zurückgetrieben und sich mit dem Gewehr verteidigen wollen.
Heyde entgegnete jedoch, v. Zeschau habe seinem Sohn mit blankem Degen auf den Kopf geschlagen. Erst einmal stand Aussage gegen Aussage. Doch es müssen auch Zeugen des Vorfalls gehört worden sein, denn das Urteil lautete zunächst 60 Taler Strafe für v. Zeschau. Die Summe wurde aufgrund seines Einspruches später auf 50 Taler reduziert.
Houwald vermutet, dass hinter diesem Streit noch etwas anderes steckte. Zeschau war wohl bei seinem Grabower Nachbarn verschuldet, denn dieser wird 1683 als Besitzer von Jessen genannt. Es könnte sein, dass zu der Zeit, als der Streit begann, Zeschau vielleicht nur noch Pächter von Jüritz/Jessen war bzw. er seinen Besitz an den Grabower verpfändet hatte. Vielleicht hat ihn der Bau des neuen Schlosses in Jessen (1681 – 1684) in den Ruin getrieben? Zeitzeugen berichten von einem einzigartig prächtigem Bau.

Es folgten als Jüritzer Besitzer Balthasar Gottlob Erdmann v. Zeschau, Balthasar Heinrich Erdmann v. Zeschau und Ernst Balthasar v. Zeschau.
Der Sohn des Letzteren, Hugo Balthasar (1825 – 1895), ein königlich preußischer Rittmeister a. D., übernahm den Besitz, der zur damaligen Zeit auf 30.000 Taler geschätzt wurde. Die Ländereien in Jüritz umfassten 451 Morgen, Jessen war mit 1.153 Morgen mehr als doppelt so groß.
Danach werden die beiden Güter getrennt.

Jüritz kam 1855 in den Besitz des Geheimen Justizrats Julius v. Beerfelde. Nach dessen Tod 1871 könnte Wilhelm Karl Freiherr v. Buddenbrock Pächter, Verwalter oder Gutsherr gewesen sein. 1873 soll es keinen Viehbestand und keine Bewohner auf dem Gut gegeben haben.

Wann genau das Gutshaus, erbaut wurde, welches unmittelbar an der Straße von Drehne nach Grabow lag, und was vor einigen Jahren nur noch als Ruine erkennbar war, ist nicht bekannt.

1879 taucht dann erstmals ein Brodach, nämlich der aus Baudach stammende Landwirt Johann Gottlieb Moritz Brodach, als Eigentümer auf. Dessen Sohn Alwin, 1879 in Jüritz geboren, übernahm 1907 den Betrieb. vom Vater. Enkel Hans Brodach, im II. Weltkrieg Oberleutnant, wäre der nächste Erbe gewesen. Letzterer schrieb :

....Trotz mancher Rückschläge - unter anderem ein großer Brand Anfang September 1929 der einen großen Teil der Wirtschaftsgebäude mit der gesamten Ernte und sämtliche Maschinen vernichtete - konnte der Betrieb von rund 250 vha auf 700 vha vergrößert werden. Gottlieb Brodach starb 1913 und wurde neben seiner Ehefrau auf dem Friedhof in Jüritz beigesetzt. ..... Mehr als dreißig Jahre nach der Vertreibung besuchte Hans Brodach sein Heimatdorf: ... Die Gebäude des Gutshofes, die noch nach Kriegsende....in ihrem Bauzustand  sehr gut erhalten waren, wurden in der Folgezeit...systematisch abgetragen...Übrig geblieben ist vom Wohnhaus nur der jetzt zugeschüttete Keller. Außer der Betonplatte der Scheune entdeckten wir keinen einzigen Mauerstein.... Völlig erhalten blieb nur die Hofscheune, ehemals Schafstall, aus Feldsteinen errichtet... (Bericht stammt aus dem Jahr 1977)

(Sorauer Heimatblatt 10/1977) 

Das Gut stand einst im Zentrum des Ortes. Vor einigen Jahren stand an der Straße noch eine Ruine, die später abgetragen wurde. Kurz hinter dem Gut gab es eine Gaststätte, die heute als Wohnhaus dient.

In Jüritz gab es zwei ausgelagerte Grundstücke, etwa jeweils 300 m vorm eigentlichen Dorfkern entfernt. Von der Teuplitz - Gassener Chaussee kommend und in den Weg nach Jüritz einbiegend, stand auf der linken Straßenseite das Haus von Richard Otto. Heute ist an dieser Stelle Wald. Das andere, etwas abseits gelegene Grundstück finden heute nur Insider. Kurz vor dem Jüritzer Ortsausgang in Richtung Niewerle, zweigt links ein Weg ab, der zu einer Bauernwirtschaft führte. Das Grundstück liegt ein wenig versteckt, von der Hauptstraße kaum zu sehen. Hier lebten bis 1945 meine Ur-Großeltern. Das alte Haus ist heute unbewohnt. Daneben wurde ein neues gebaut.

Aus dem Adressbuch von 1938 geht hervor, dass Jüritz Standort für den Gendarmerie-Posten war. Den Dienst, auch für die Dörfer Brinsdorf, Dolzig, Drehne, Grabow, Jessen, Jüritz, Niewerle und Schniebinchen, versah Oberwachtmeister Alfred Wolf, später wohl Heinrich und zuletzt Polizist Pürschel.

Der letzte Bürgermeister von Jüritz, Schulze arbeitete hauptamtlich in der Isoliermittel-Fabrik Mainzer. Er nahm sich mit seiner Frau und seiner etwa 20-jährigen Tochter im Februar 1945, kurz bevor die russische Armee kam, das Leben.

Vor Schulze war der Landwirt Georg Rotter Bürgermeister.

Verlustliste I. Weltkrieg: Bothe, Paul; Fallack, Reinhold; Herrmann, Otto; Jurisch, Gustav; Lehmann, Otto; Roy, Richard; Triebler, Paul

Einwohnerverzeichnis 1938 (aus dem Jahr 1928 nicht vorhanden)

Einwohnerverzeichnis Jüritz 1938
Jüritz 1938.pdf [20.5 KB]